Making Of „iHead – mein digitales Ich“

 

Ich habe diese ungewöhnliche Seite aus zwei Gründen erstellt: Zum einen finde ich es zeitgemäß auch als Zauberkünstler zumindest einen kleinen Einblick in seine Arbeit zu gewähren, ähnlich wie bei einem Bonusmaterial zu einem Kinofilm. Zum anderen bekommen Sie dadurch ein besseres Verständnis, wie viele Gedanken hinter einer Nummer stehen, die letztendlich auf der Bühne nur 4 Minuten dauert.

 

Wenn Sie die den Act noch nicht live gesehen haben, hier ein Überblick über den Inhalt:

Aufgrund der persönlichen Daten, die wir täglich online preisgeben, existiert von uns allen bereits ein „digitales Ich“. Wenn wir mit der immer weiter fortschreitenden Digitalisierung besser Gestalter statt Getriebene sein wollen, sollten wir uns früh genug mit unserem digitalen Abbild anfreunden. In einem Duell mit seinem 3D-animierten „Alter Ego“ stellt sich Andreas Axmann abwechselnd Aufgaben aus dem Arbeitsalltag. Wer von beiden wohl mit mehr Vorteilen siegen wird?

 

 

Jedes Jahr entwickle ich eine neue Nummer für mein Programm „Media Magic“. Die ersten Ideen zu „iHead“ kamen im November und im August war die Premiere. Mein Team besteht aus einem 3D-Generalisten, der für die Grafik und Animation zuständig ist, einem Software-Entwickler, der mein iPad umprogrammiert und einer Werkstatt, die mir behilflich ist, Requisiten herzustellen. Das Budget für diese Nummer lag in Höhe der Kosten eines Kleinwagens. Probiert wird übrigens meistens vor einem riesigen Spiegel.

 

Kreativ-Werkstatt

 

Die ersten Ideen

 

Angefangen hat alles, als ich im Flugzeug saß und eine Ankündigung des neuen größeren iPad Pro laß. Endlich ist das iPad so groß, dass man einen ganzen Kopf in Lebensgröße abbilden kann. Gleichzeitig sah ich wie immer vorm Abflug den 3D-animierten Sicherheitsfilm und fand die leicht künstlichen Bewegungen der Animations-Figuren komisch. Zu dieser Zeit wurden Puppenspieler in TV-Shows immer beliebter, weshalb die Idee kam, den Kopf neben mir als Gegenspieler einzusetzen. Die Grundidee war geboren – das erste digitale Puppenspiel der Welt!

 

Flugzeug Film Brainstorming

 

Was jetzt folgte, war intensives wochenlanges „Brainstorming“, bei dem ich zu jeder Gelegenheit auf große Zettel völlig chaotisch meine Ideen notiert und kleine Skizzen erstellt habe. Nach und nach versuchte ich dann die Ideen zu bewerten, verknüpfen, verändern, auszusortieren usw. Irgendwann entsteht dann ein Regie- und Ablaufplan, bei dem ich beachten muss, dass die Nummer einen Spannungsbogen hat, eine Dramaturgie, einen starken Anfang und ein überraschendes Ende.

 

Im ersten Schritt bei der Umsetzung musste mein Kopf als digitales Gittermodell nachgebaut werden. Meine natürlichen Muskelbewegungen wurden bei verschiedenen Gesichtsausdrücken über grüne Punkte im Gesicht beim sogenannten „Motion Tracking“ festgehalten. Dann stellte sich die Frage, ob nach dem Rendering die Oberfläche des Gesichts eher echt oder künstlich aussehen soll. Zu echt kann fast unheimlich wirken und der Charakter der Animations-Figur soll erhalten bleiben. Als Inspiration diente dann das Hautbild des Küchenjungen Linguini aus dem Pixar-Film „Ratatouille“.

 

Gittermodell Motion Tracking

Vergleich Hautton Inspiration Hautton

 

Dramaturgie

 

Nur einen Effekt zu zeigen ist sinn- und emotionslos. Ein Effekt muss immer verpackt sein in eine Geschichte oder einen Konflikt, um beim Publikum anzukommen. In meiner langen Liste gab es die Idee, dass der Kopf in ein Taschentuch schnäuzt, welches dabei entsprechend flattert. Der Effekt gefiel mir deshalb so gut, weil er meine Kernbotschaft widerspiegelt, dass in Zukunft Digitales und Reales immer mehr zu einer neuen Wirklichkeit verschmelzen. Jetzt musste ich einen Grund finden, warum sich mein digitaler Kopf die Nase putzen muss. Logisch – weil er niesen musste. Aber warum musste er niesen? Vielleicht weil ich seine Nase mit einer Blume gekitzelt habe. Nur woher kommt die Blume? Als Entschuldigung für eine Beleidigung. Und so entstand eine Mini-Geschichte wie bei einem Puppenspiel.

 

Tricktechnik

 

Neben dem flatternden Tuch sollte als zweiter Effekt beim Niesen die Blüte vom Stängel fallen. Dazu musste eine spezielle künstliche Blume entwickelt werden. Es hat insgesamt drei Versuche gebraucht:

 

In der ersten Version musste ich dem Stil einen Ruck geben, damit die magnetisch festgehaltene Blüte richtig wegfliegt. Das gefiel mir aber nach der ersten Videoauswertung nicht, meine Handbewegung ist zu auffällig.

Bei der zweiten Variante knickt der Stängel in der Mitte, was sehr praktisch ist, denn nichts liegt auf dem Boden, was ich nach der Show wieder einsammeln müsste. Diese Blume hatte aber den großen Nachteil, dass sie empfindlich und dadurch schlecht zu transportieren ist. Ein Punkt, den ich immer berücksichtigen muss, dass alles Handgepäcksgröße hat und möglichst stabil ist.

Die letzte endgültige Variante war dann ein stabiler Stängel mit einer Schnur im Inneren, die einen Gegenmagneten über eine kleine Kugel einziehen kann, die ich mit dem Daumen nach unten schiebe.

 

Blume knickt Blume Magnet

 

Inspiration

 

Hier noch ein Beispiel, woher meine Inspirationen kommen. Eigentlich von überall her, aus dem Alltag, von Reisen oder Kinofilmen. In der Geschichte soll mein digitales Ich eine Mikrofonkugel gierig wie ein Monster auffressen, weil er es für eine Eiskugel hält. Dahinter steckt die Idee, dass in Zukunft eine der größten Herausforderungen bei der künstlichen Intelligenz die (Fehl-)Interpretation ist (wie unterscheiden z.B. autonom fahrende Autos eine rote Ampel von einem roten Rücklicht?). Die Veränderung zum Monster sollte zwar aufschrecken, aber möglichst lustig aussehen. Die Inspiration kam letztendlich von einem mutierten Minion aus dem Film „Ich – Einfach unverbesserlich 2“.

 

Inspiration aus Film

 

Bis eine einzigartige Nummer wie „iHead“ entsteht, investiert man neben Zeit und Geld vor allem Blut, Schweiß und Tränen. Man probiert und verwirft, baut Requisiten, testet vor Kollegen und kann bis zur Premiere nie genau sagen, ob die Ideen wirklich gut ankommen werden. Nur wer all das in Kauf nimmt, kann ein einzigartiges, persönliches und hochwertiges Programm bieten, das ein anspruchsvolles Publikum nachhaltig begeistert!